Gedichte
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22 Okt 2018 07:37 #19778
von Kaninchen
Eine Hühnergeschichte
Auf dem Hofe kräht der Hahn,
Ein rot=schwarz=gelb und grüner:
Kuchen, Kuchen, Kuchen auf dem Tisch,
Fix, kommt fix, ihr Hühner!
Seht die Hennen,
Wie sie rennen,
Aus Verstecken,
Über Zäune, über Hecken,
Gackern, beißen sich und schrein,
Jede will die Erste sein!
Wie sie fliegen, wie sie flattern,
Um ein Plätzchen zu ergattern!
Oben auf des Tisches Mitte
steht Herr Hahn;
Bitte, meine Damen, bitte,
fangt nur an!
Pick und schluck,
Nicht genug,
Immer mehr,
Kuchen her!
Unser Kropf,
Ist ein Topf,
Wird nicht voll,
Wird nicht leer,
Darum mehr
Kuchen her,
Bis der Teller leckeleer!
Drüben aus des Gärtners Haus
Guckt der kleine Fritz und lacht:
Ei, wie sah das lustig aus,
Das haben die Hühner klug gemacht!
Paula Dehmel
Paula Dehmel, geborene Oppenheimer, wurde am 30.10.1862 in Berlin als Tochter eines Predigers der jüdischen Reformgemeinde geboren. Im Jahre 1889 ehelichte sie Richard Dehmel, von dem sie sich nach neun Jahren trennte. Während und auch noch nach der Scheidung arbeitete sie mit ihm bei der Erstellung von Kinderbüchern zusammen. Am 9.7.1918 starb sie in Berlin.
Eine Hühnergeschichte
Auf dem Hofe kräht der Hahn,
Ein rot=schwarz=gelb und grüner:
Kuchen, Kuchen, Kuchen auf dem Tisch,
Fix, kommt fix, ihr Hühner!
Seht die Hennen,
Wie sie rennen,
Aus Verstecken,
Über Zäune, über Hecken,
Gackern, beißen sich und schrein,
Jede will die Erste sein!
Wie sie fliegen, wie sie flattern,
Um ein Plätzchen zu ergattern!
Oben auf des Tisches Mitte
steht Herr Hahn;
Bitte, meine Damen, bitte,
fangt nur an!
Pick und schluck,
Nicht genug,
Immer mehr,
Kuchen her!
Unser Kropf,
Ist ein Topf,
Wird nicht voll,
Wird nicht leer,
Darum mehr
Kuchen her,
Bis der Teller leckeleer!
Drüben aus des Gärtners Haus
Guckt der kleine Fritz und lacht:
Ei, wie sah das lustig aus,
Das haben die Hühner klug gemacht!
Paula Dehmel
Paula Dehmel, geborene Oppenheimer, wurde am 30.10.1862 in Berlin als Tochter eines Predigers der jüdischen Reformgemeinde geboren. Im Jahre 1889 ehelichte sie Richard Dehmel, von dem sie sich nach neun Jahren trennte. Während und auch noch nach der Scheidung arbeitete sie mit ihm bei der Erstellung von Kinderbüchern zusammen. Am 9.7.1918 starb sie in Berlin.
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23 Okt 2018 07:32 #19794
von Kaninchen
Gustav Falke
Der törichte Jäger
Er zog hinaus, das Glück zu fangen,
und jagte mit erhitzten Wangen
bis in den späten Abendschein.
Umsonst, es war ein schlimmes Jagen,
er kehrte müde und zerschlagen
in seine warme Hütte ein.
Da saß in schlichtem Werkelkleide,
dem wilden Jäger schier zuleide,
am Herde eine stille Magd.
Sie reichte ihm den Trunk, den Bissen
und ging zu Hand ihm, dienstbeflissen,
wie es dem müden Mann behagt.
Sie hatte still sich eingefunden
und ungefragt, vor Jahr und Stunden,
und ihre Treue nahm er hin.
Heut saß sie blaß zu seinen Füßen;
er ließ sie seinen Unmut büßen,
das flücht'ge Wild lag ihm im Sinn.
»Und muß ich mich zu Tode hetzen,
es soll mein heißes Herz ergetzen,«
rief er und rief sein letztes Wort
und kehrte grollend ihr den Rücken
und setzte über Traumesbrücken
die Jagd nach seinem Wilde fort.
Am Morgen, eh' die Vögel girrten,
erwacht' er. Seine Blicke irrten
schlaftrunken über Bett und Wand
und hin zum Herd. Da stand im Scheine
des Feuers, bleich am weißen Steine,
die Magd, ihr Bündel in der Hand.
»Wohin? Was treibt dich?« - »Laß mich wandern,
mein Dienst gehört jetzt einem andern,
leb wohl, ich kehre nicht zurück.«
Schon stand sie draußen an der Pforte,
er hört nur noch die Abschiedsworte:
»Vergiß mich nicht, ich war das Glück.«
Gustav Falke
Der törichte Jäger
Er zog hinaus, das Glück zu fangen,
und jagte mit erhitzten Wangen
bis in den späten Abendschein.
Umsonst, es war ein schlimmes Jagen,
er kehrte müde und zerschlagen
in seine warme Hütte ein.
Da saß in schlichtem Werkelkleide,
dem wilden Jäger schier zuleide,
am Herde eine stille Magd.
Sie reichte ihm den Trunk, den Bissen
und ging zu Hand ihm, dienstbeflissen,
wie es dem müden Mann behagt.
Sie hatte still sich eingefunden
und ungefragt, vor Jahr und Stunden,
und ihre Treue nahm er hin.
Heut saß sie blaß zu seinen Füßen;
er ließ sie seinen Unmut büßen,
das flücht'ge Wild lag ihm im Sinn.
»Und muß ich mich zu Tode hetzen,
es soll mein heißes Herz ergetzen,«
rief er und rief sein letztes Wort
und kehrte grollend ihr den Rücken
und setzte über Traumesbrücken
die Jagd nach seinem Wilde fort.
Am Morgen, eh' die Vögel girrten,
erwacht' er. Seine Blicke irrten
schlaftrunken über Bett und Wand
und hin zum Herd. Da stand im Scheine
des Feuers, bleich am weißen Steine,
die Magd, ihr Bündel in der Hand.
»Wohin? Was treibt dich?« - »Laß mich wandern,
mein Dienst gehört jetzt einem andern,
leb wohl, ich kehre nicht zurück.«
Schon stand sie draußen an der Pforte,
er hört nur noch die Abschiedsworte:
»Vergiß mich nicht, ich war das Glück.«
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24 Okt 2018 07:42 - 25 Okt 2018 06:41 #19807
von Kaninchen
Das Epheu spricht:
Mein Blüh'n wird nicht
Vom Farbenschmuck verklärt,
Bin zäh und schlicht
Und halt' mich dicht
Zum Stamm, der mich ernährt.
Doch Sommers grün
Und Winters grün
Und grün in's späte Alter,
Freut mehr denn glüh'n,
Buntfarbig sprüh'n
Und sterben mit dem Falter.
Joseph Victor von Scheffel (1826 - 1886), deutscher Schriftsteller, Romanautor, Kommerslieder
Das Epheu spricht:
Mein Blüh'n wird nicht
Vom Farbenschmuck verklärt,
Bin zäh und schlicht
Und halt' mich dicht
Zum Stamm, der mich ernährt.
Doch Sommers grün
Und Winters grün
Und grün in's späte Alter,
Freut mehr denn glüh'n,
Buntfarbig sprüh'n
Und sterben mit dem Falter.
Joseph Victor von Scheffel (1826 - 1886), deutscher Schriftsteller, Romanautor, Kommerslieder
Letzte Änderung: 25 Okt 2018 06:41 von Feschtbrueder. Grund: Leerraum unten entfernt
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25 Okt 2018 07:51 #19819
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26 Okt 2018 08:05 #19834
von Kaninchen
Der fröhliche Spielmann
Gerrit van Honthorst, Selbstporträt
(* 4. November 1592 in Utrecht; † 27. April 1656 ebenda) war ein niederländischer Maler
Margarethens Lied
Jetzt ist er hinaus in die weite Welt,
Hat keinen Abschied genommen,
Du frischer Spielmann in Wald und Feld,
Du Sonne, die meinen Tag erhellt,
Wann wirst du mir wiederkommen?
Kaum daß ich ihm recht in die Augen geschaut,
So ist der Traum schon beendet,
O, Liebe, was führst du die Menschen zusamm',
O, Liebe, was schürst du die süße Flamm',
Wenn so bald und traurig sich's wendet?
Wo zieht er hin? Die Welt ist so groß,
Hat der Tücken so viel und Gefahren,
Er wird wohl gar in das Welschland geh'n,
Und die Frauen sind dort so falsch und schön.
O, mög' ihn der Himmel bewahren!
Joseph Victor von Scheffel (1826 - 1886), deutscher Schriftsteller, Romanautor,
Der fröhliche Spielmann
Gerrit van Honthorst, Selbstporträt
(* 4. November 1592 in Utrecht; † 27. April 1656 ebenda) war ein niederländischer Maler
Margarethens Lied
Jetzt ist er hinaus in die weite Welt,
Hat keinen Abschied genommen,
Du frischer Spielmann in Wald und Feld,
Du Sonne, die meinen Tag erhellt,
Wann wirst du mir wiederkommen?
Kaum daß ich ihm recht in die Augen geschaut,
So ist der Traum schon beendet,
O, Liebe, was führst du die Menschen zusamm',
O, Liebe, was schürst du die süße Flamm',
Wenn so bald und traurig sich's wendet?
Wo zieht er hin? Die Welt ist so groß,
Hat der Tücken so viel und Gefahren,
Er wird wohl gar in das Welschland geh'n,
Und die Frauen sind dort so falsch und schön.
O, mög' ihn der Himmel bewahren!
Joseph Victor von Scheffel (1826 - 1886), deutscher Schriftsteller, Romanautor,
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27 Okt 2018 08:31 #19852
von Kaninchen
Lacrimae Christi". Eigenh. Manuskript mit U. ("Rud. Baumbach").
Lacrimae Christi
Es war in alten Zeiten
ein schwäbischer Fiedelmann,
der kräftig strich die Saiten
und lustige Mären spann.
Mit Friederich dem Andern
ins Welschland zog er ein,
und kostete im Wandern
von einem jeden Wein.
Und als auf seinem Zuge
er nach Neapel kam,
quoll ihm aus irdnem Kruge
ein Tropfen wundersam.
Er trank mit durst'gem Munde
und rief den Wirt herbei:
"Viellieber, gebt mir Kunde,
was für ein Wein das sei.
Er rinnt mir alten Knaben
wie Feuer durchs Gebein;
von allen Gottesgaben
muß das die beste sein."
Der dicke Kellermeister
gab ihm die Antwort gern:
"Lacrimae Christi heißt er,
denn Tränen sind des Herrn".
Da überkam ein Trauern
den fremden Fiedelmann;
er dachte an den Sauern,
der in der Heimat rann.
Und betend sank er nieder,
den Blick empor gewandt.
"Herr, weinst du einmal wieder,
so wein im Schwabenland!"
Rudolf Baumbach
(1840 - 1905)
deutscher Dichter und Naturwissenschaftler
Lacrimae Christi". Eigenh. Manuskript mit U. ("Rud. Baumbach").
Lacrimae Christi
Es war in alten Zeiten
ein schwäbischer Fiedelmann,
der kräftig strich die Saiten
und lustige Mären spann.
Mit Friederich dem Andern
ins Welschland zog er ein,
und kostete im Wandern
von einem jeden Wein.
Und als auf seinem Zuge
er nach Neapel kam,
quoll ihm aus irdnem Kruge
ein Tropfen wundersam.
Er trank mit durst'gem Munde
und rief den Wirt herbei:
"Viellieber, gebt mir Kunde,
was für ein Wein das sei.
Er rinnt mir alten Knaben
wie Feuer durchs Gebein;
von allen Gottesgaben
muß das die beste sein."
Der dicke Kellermeister
gab ihm die Antwort gern:
"Lacrimae Christi heißt er,
denn Tränen sind des Herrn".
Da überkam ein Trauern
den fremden Fiedelmann;
er dachte an den Sauern,
der in der Heimat rann.
Und betend sank er nieder,
den Blick empor gewandt.
"Herr, weinst du einmal wieder,
so wein im Schwabenland!"
Rudolf Baumbach
(1840 - 1905)
deutscher Dichter und Naturwissenschaftler
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