Gedichte

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17 Okt 2017 07:34 #14407 von Kaninchen


"Man sollte immer betrunken sein.
Das ist es, das ist alles, was zählt!
Um nicht die schreckliche Bürde der Zeit zu spüren,
die auf euren Schultern lastet
und euch zu Boden drückt,
solltet ihr euch unaufhörlich
berauschen.

Doch womit?
Mit Wein, Poesie, oder mit Tugend,
womit ihr wollt.
Aber betrinkt euch!

Und wenn ihr manchmal,
auf den Stufen eines Palastes,
im grünen Gras eines Grabens,
in der düsteren Einsamkeit eures Zimmers erwacht,
der Rausch bereits weniger geworden oder verschwunden,
fragt den Wind, die Welle,
den Stern, den Vogel,
die Uhr, fragt alles das flieht,
alles das stöhnt, alles das fährt,
alles das singt, alles das spricht,
fragt wie spät es ist.

Und der Wind, die Welle,
der Vogel, die Uhr,
werden euch antworten:
Es ist Zeit, sich zu betrinken!
Um nicht länger die gequälten Sklaven der Zeit zu sein,
betrinkt euch, betrinkt euch ohne Unterlaß!

Mit Wein, Poesie oder Tugend,
womit ihr wollt.
Aber betrinkt euch!"

Charles Baudelaire
(1821-1867)

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19 Okt 2017 07:16 #14438 von Kaninchen

Max Dauthendey
. 1867-1918
deutscher Dichter und Maler

Oktober

Zaudernde Nebel gehen ums Haus,
Der Herbsttag kleidet die Bäume aus.
Werde nicht bang, Geliebte mein,
Die Liebe schläft nicht mit den Bäumen ein.
Verlöschen im Garten die Blumen wie Funken,
Sind die Gärten wie Spuk versunken,
Werden die Tage dunkel und scheuer,
Dir wächst in meiner Kammer unersättliches Feuer.
In langen Nächten küsst es sich gut,
Verliebte haben den Sommer im Blut.

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21 Okt 2017 10:53 #14468 von Kaninchen
Hüte dich!

Nachtigall, hüte dich!
Singe nicht so lieblich!
Ach, dein allerschönstes Singen
Wird dich um die Freiheit bringen.
Hüte dich!

Schöne Blume, hüte dich,
Blühe nicht so glühend,
Dufte nicht so voll Entzücken!
Wer dich siehet, will dich pflücken,
Hüte dich!

Schönes Mädchen, hüte dich,
Lächle nicht so gütig!
Deine Schönheit, deine Güte!
Denk an Nachtigall und Blüte!
Hüte,
Hüte dich!



Hermann Ritter von Lingg
(1820 - 1905)
deutscher Dichter,

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22 Okt 2017 07:27 - 22 Okt 2017 07:30 #14472 von Kaninchen


In meine Heimat kam ich wieder,
Es war die alte Heimat noch,
Dieselbe Luft, dieselben alten Lieder
Und alles war ein andres doch.

Die Welle rauschte wie vorzeiten,
Am Waldweg sprang wie sonst das Reh,
Von Fern erklang ein Abendläuten,
Die Berge glänzten aus dem See.

Doch vor dem Haus, wo uns vor Jahren
Die Mutter stets empfing, dort sah
Ich fremde Menschen, sah ein fremd Gebaren;
Wie weh, wie weh mir da geschah!

Mir war, als rief es aus den Wogen:
Flieh, flieh, und ohne Wiederkehr!
Die du geliebt, sind alle fortgezogen
Und kehren nimmer, nimmermehr
.

Hermann Ritter von Lingg (1820 - 1905),
deutscher Dichter,
Mitglied des Münchener Dichterkreises »Die Krokodile«,
Letzte Änderung: 22 Okt 2017 07:30 von Kaninchen.

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25 Okt 2017 08:10 - 25 Okt 2017 08:13 #14522 von Kaninchen

Eduard Moerike
deutscher Lyriker
(1804-1875)



Rosenzeit! Wie schnell vorbei,
Schnell vorbei
Bist du doch gegangen!
Wär mein Lieb nur blieben treu,
Blieben treu,
Sollte mir nicht bangen.

Um die Ernte wohlgemut,
Wohlgemut
Schnitterinnen singen.
Aber, ach! mir krankem Blut,
Mir krankem Blut
Will nichts mehr gelingen.

Schleiche so durchs Wiesental,
So durchs Tal,
Als im Traum verloren,
Nach dem Berg, da tausendmal,
Tausendmal
Er mir Treu geschworen.

Oben auf des Hügels Rand,
Abgewandt,
Wein ich bei der Linde;
An dem Hut mein Rosenband,
Von seiner Hand,
Spielet in dem Winde.
Letzte Änderung: 25 Okt 2017 08:13 von Kaninchen.

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29 Okt 2017 05:52 - 29 Okt 2017 06:20 #14571 von Kaninchen
Die Katze

Charles Baudelaire

In meinem Hirn geht, als wär es ihre Wohnung, eine
schöne Katze spazieren, kraftvoll, sanft und reizend,
Wenn sie miaut, hört man es kaum,

So zärtlich und verstohlen ist der Klang; ob aber ihre
Stimme sich sänftigt oder grollt, stets tönt sie reich und
tief. Das ist ihr Zauber und ihr Geheimnis.

Diese Stimme, die in meine finstere Tiefe perlt
und träuft, erfüllt mich wie wohltauende Verse und erheitert
mich wie ein Heiltrank.

Sie schläfert die ärgsten Leiden ein und enthält alle
Wonnen; um die längsten Sätze zu sagen, bedarf sie
keiner Worte.

Nein, es gibt keinen Bogen, der über das vollkommene
Instrument meines Herzens streicht und königlicher
seine bebende Saite singen machte,

Als deine Stimme, geheimnisvolle Katze, seraphische
Katze, seltsame Katze, in der, gleichwie in einem Engel,
alles von Zartheit wie von Harmonie durchwirkt ist!

II.
Aus ihrem blond und braunen Fell steigt ein so süßer
Duft, das eines Abends ich ganz davon durchhaucht
war, als ich einmal, ein einziges Mal nur, sie gestreichelt
hatte.

Sie ist der Hausgeist hier; sie richtet, herrscht, begeistert
alle Dinge in ihrem Reich; vielleicht ist sie eine Fee, ist
sie ein Gott.

Wenn meine Augen, die diese geliebte Katze magnetisch
auf sich lenkt, gehorsam wich wenden und ich dann nach
innen blicke,

So seh ich mit Erstaunen das Feuer ihrer bleichen Augen-
sterne - Leuchtzeichen, lebende Opale -, die mich anschaun
unverwandt
Letzte Änderung: 29 Okt 2017 06:20 von Feschtbrueder. Grund: Korr. Au > Aus

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