Gedichte

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26 Apr 2026 16:17 #58181 von Kaninchen
Im Park

Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
Still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei,
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –
Gegen den Wind an den Baum,
Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.

Joachim Ringelnatz

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27 Apr 2026 13:35 #58195 von Kaninchen
 

Die Kartenlegerin

Das Schiff war schon im Hafen leck.
Man besserte an dem Schaden.
Das Schiff hatte Fässer geladen
Und Passagiere im Zwischendeck.

Mittags stieg eine Negerin
In das Matrosenlogis.
Sie wäre Kartenlegerin,
Bedeutete sie.

"Two shillings" - oder ein Kleidungsstück,
Sie zeigte auf wollene Sachen.
So eine weiß manchmal, wie man sein Glück
Kann machen.

Sie redeten voreinander dumm,
Gaben der Alten zu saufen,
Drückten ihr lachend am Busen herum
Und ließen sie dann laufen.

Nachts hockte die alte, schwarze Kuh
An Deck zwischen Fässern und Tauen.
Vor ihr lag Kuttel Daddeldu
Dienstmüde und dachte an Frauen.

Da legte die Kartenlegerin
Die Karten, die ihn betrafen,
An Deck und murmelte vor sich hin.
Kuttel war eingeschlafen.

Sie murmelte Worte in den Wind.
Das Schiff fing an zu rollen.
Das Schiff und die Menschen darauf sind
Verschollen.
Joachim Ringelnatz . 

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27 Apr 2026 14:20 #58205 von Feschtbrueder
Arm Kräutchen

Ein Sauerampfer auf dem Damm
Stand zwischen Bahngeleisen,
Machte vor jedem D-Zug stramm,
Sah viele Menschen reisen.

Und stand verstaubt und schluckte Qualm
Schwindsüchtig und verloren,
Ein armes Kraut, ein schwacher Halm,
Mit Augen, Herz und Ohren.

Sah Züge schwinden, Züge nahn.
Der arme Sauerampfer
Sah Eisenbahn um Eisenbahn,
Sah niemals einen Dampfer.

Joachim Ringelnatz

:-) Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Lachen ist die beste Medizin!

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28 Apr 2026 16:40 #58219 von Kaninchen
Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da

Das Gedicht „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“ stammt aus der Feder von Otto Ernst Hesse.

Wenn die Bürger schlafen gehn
In der Zipfelmütze
Und zu ihrem König flehn,
Daß er sie beschütze,
Ziehn wir festlich angetan
Hin zu den Tavernen;
Schlendrian, Schlendrian
Unter den Laternen.

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da
Die Nacht ist da, daß was gescheh'.
Ein Schiff ist nicht nur für den Hafen da,
Es muß hinaus, hinaus auf hohe See!
Berauscht euch, Freunde, trinkt und liebt und lacht
Und lebt den schönsten Augenblick,
Die Nacht, die man in einem Rausch verbracht,
Bedeutet Seligkeit und Glück!

Wenn im Glase perlt der Sekt
Unter roten Ampeln
Und die Mädchen süß erschreckt
Auf dem Schoß uns strampeln,
Küssen wir die Prüderie
Von den roten Mündern;
Amnestie, Amnestie
Allen braven Sündern!

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da …

Wenn der Morgen endlich graut
Durch die dunst'gen Scheiben,
Und die Männer ohne Braut
Beieinander bleiben,
Schmieden sie im Flüsterton
Aus Gesprächen Bomben;
Rebellion, Rebellion
in den Katakomben!

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da …

 Otto Ernst Hesse (1891 - 1946) war ein deutscher Dramatiker, Publizist, Komödienautor, Erzähler, Lyriker und Theaterkritiker. Er publizierte auch unter dem Pseudonym Michael Gesell.

Die Musik zu "Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen" stammte von Theo Mackeben. Gesungen wurde der Titel erstmals von Gustaf Gründgens in dem Film "Tanz auf dem Vulkan" (1938), der im Paris des Jahres 1830 spielt.

 

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29 Apr 2026 13:11 #58233 von Kaninchen
 

Verschmähte

Manch wilde Blume blühte
Am staubgen Feldesrand,
Und blieb ob ihrer Schlichte,
Dir leichthin unbekannt.

Sahst nur im Beet die Rosen
Im süßen Dufte stehn.
Doch jene Unscheinbare,
Musst ungeliebt vergehn.

Dabei wollt sie dir sagen,
Dass sie nur dir geblüht,
Und sich in stiller Anmut,
Um deine Gunst bemüht.

Hans Munch

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29 Apr 2026 18:43 #58250 von Feschtbrueder
Abendgebet einer erkälteten Negerin

Ich suche Sternengefunkel.
All mein Karbunkel
Brennt Sonne dunkel.
Sonne drohet mit Stich.

Warum brennt mich die Sonne im Zorn?
Warum brennt sie gerade mich?
Warum nicht Korn?

Ich folge weißen Mannes Spur.
Der Mann war weiß und roch so gut.
Mir ist in meiner Muschelschnur
So negligé zu Mut.

Kam in mein Wigwam
Weit übers Meer,
Seit er zurückschwamm,
Das Wigwam
Blieb leer.

Drüben am Walde
Kängt ein Guruh - -

Warte nur balde
Kängurst auch du.

Joachim Ringelnatz

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